Sebastian Riemer
»Spectres«

26. Juni bis 14. August 2026

Mit »Ag+x« verfolgt Sebastian Riemer eine radikale Form der Abstraktion, mit der er den Blick auf das fotografische Material, dessen Körperlichkeit und Biografie lenkt. Für diese Werkgruppe zerlegt der Künstler bereits entwickelte Fotografien in ihre einzelnen Bestandteile – Papier und Silberpartikel – und macht so deren Entwicklungsprozess rückgängig. Gemeinsam mit einem Chemiker hat er ein Verfahren entwickelt, das die Fixierung der Silbergelatine-Abzüge aufhebt, die Gelatine mit Enzymen aufschneidet und das bildgebende Silber herausgelöst. Die Motive, die in der Gelatineschicht gespeichert waren, verschwimmen, zerfließen bis ins Unkenntliche, und verschwinden schließlich vollkommen. Zurück bleiben weiße Flächen, die sich den tosenden Bildermassen des 21. Jahrhunderts selbstbewusst entgegenstellen.

In »Ag+x« gibt es dennoch viel zu sehen. Das deutet sich bereits mit dem Titel an. Ag verweist auf das chemische Element Silber, das als wesentlicher Bestandteil des fotografischen Prozesses dafür sorgt, dass ein Bildmotiv in Erscheinung tritt. Durch Lichteinwirkung schwärzt sich das Metall und bleibt in der Gelatineschicht haften. Alle nicht belichteten Partikel werden durch ein Fixierbad ausgewaschen. Silber bildet die Grundlage einer Vielzahl fotografischer Verfahren. Es befindet sich auch in Negativfilmen, kommt in digital erzeugten Bildern zum Einsatz und ist aufgrund seiner Leitfähigkeit ein begehrter Rohstoff der KI-Industrie. Die Silberfällung, die Sebastian Riemer betreibt und die bereits in den Fotografiezeitschriften des 19. Jahrhunderts erwähnt wurde, ist als Rohstoffrückgewinnung relevanter denn je – nicht nur aus Gründen der Nachhaltigkeit.

In dem an das Ag angehängten +x steckt etwas Zauberhaftes. Das x als Unbekannte steht für sämtliche möglichen Variablen, die das Silber verändern, destabilisieren oder erweitern. In Sebastian Riemers Arbeit geschieht das alles gleichzeitig, und es ist schwer zu sagen, ob es sich um eine Addition oder Subtraktion handelt. Die Motive verschwinden aus den Fotografien und etwas anderes wird sichtbar: Das Trägerpapier hat jeweils verschiedene Farben, die die Wirkung der Aufnahmen beeinflussten. Knicke, Risse, Beschriftungen und Flecke erzählen von dem Gebrauch und der Retusche der Abzüge. Die unterschiedlichen Formate verweisen auf die Bedeutung, die den Bildern gegeben wurde. Die Deutung dieser Spuren folgt zwangsläufig Vermutungen, stattdessen entfaltet sich der skulpturale Charakter der entleerten Fotopapiere. Mit den Wellenbildern, die ebenfalls zu dieser Werkgruppe gehören, hält Sebastian Riemer seinen Arbeitsprozess für einen Moment an. Auf diesen Bildern sind die Motive verrutscht. Das Silber ist noch da. Es hat sich schon gelöst und schwebt in einer Reaktionslösung über dem Papier. Schemenhaft sind Figuren erkennbar, fotografiert kurz vor ihrer Auflösung. Sebastian Riemer interpretiert damit die Idee des entscheidenden Augenblicks auf eigene Weise.

Viele Jahre zuvor hatte sich F. C. Gundlach für Augenblicke entschieden, die er mit dem Medium Fotografie festhalten wollte. Als einer der prägendsten Modefotografen des 20. Jahrhunderts in der Bundesrepublik schrieb er Mode- und Kulturgeschichte. Er war als Sammler aktiv, förderte die Weiterentwicklung fotografischer Prozesse und künstlerische Experimente seiner Nachfolgegeneration. Bei den Abzügen, mit denen Sebastian Riemer weiterarbeitet, handelt es sich um von ihm aussortierte, professionelle Abzüge aus den 1950er bis 1970er Jahren, sogenannte B-Ware der Vintage-Prints aus dem Stiftungsnachlass. Gundlach hatte über deren Vernichtung noch zu Lebzeiten verfügt. Seit 2025 übernimmt Sebastian Riemer die Zerstörung. Geplant ist, das gesamte Material mit einem Gewicht von einer Tonne in seine einzelnen Bestandteile zurückzuführen.

Mit »Ag+x« nimmt die Erzählung der Fotogeschichte eine ungewöhnliche Wendung. Üblicherweise beschreibt diese die progressive Weiterentwicklung fotografischer Verfahren, hangelt sich entlang der visuellen Biografien einzelner Bildautorinnen und -autoren und ist mit dem Bemühen verbunden, die Motive möglichst werkgetreu zu erhalten. Sebastian Riemer folgt mit seiner Arbeit einem Abweg, auf dem Werke ein neues Antlitz bekommen, sich die Vorstellung von Autorschaft weitet und Vollständigkeit anders ausgelegt wird. Ohne Gundlachs Bildermasse wäre »Ag+x« nicht denkbar, das Wissen um die verlorenen Motive hallt wie ein geisterhaftes Echo nach. Gleichzeitig liegt die Fertigstellung der Werkgruppe »Ag+x« und damit die Vernichtung aller aussortierten Abzüge in weiter Ferne. Sebastian Riemer strebt sie dennoch an und lädt damit dazu ein, den Blick auf das Medium Fotografie anders auszurichten.

Christin Müller

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Christin Müller ist freie Fotohistorikerin, Kuratorin und Autorin und lebt in Leipzig. Sie hat Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis an der Universität Hildesheim und Fotografie an der Novia University of Applied Sciences in Nykarleby, Finnland (Erasmus) studiert.

Sebastian Riemers Projekt »Ag+x« wird in diesem Jahr von der Kunst- und Kulturstiftung der Stadtsparkasse Düsseldorf gefördert.

Foto: Johannes Bendzulla