Madeleine Boschan
»Entre nós«
2. Oktober bis 8. November 2026
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Formspekulationen
Madeleine Boschan
I don’t make sculpture, I speculate in form.
— Tony Smith
Madeleine Boschans Werke – bei erster Betrachtung reduziert und minimalistisch – entfalten bei konzentrierter Beschäftigung aus Formstrenge und Einfachheit eine Vielschichtigkeit und Bedeutungstiefe, die sich der engen Verflechtung mit der Kultur unserer Welt verdanken.
Boschan begreift Raum als „Gefüge von Beziehungen“, die sich in wechselnden Konstellationen immer wieder „verschieben, verdichten und neu ausrichten“. Dabei nutzt sie „skulpturale, malerische und zeichnerische Setzungen“. Ihre Kunst bietet eine Erfahrungsmöglichkeit von Präsenz, die komplexe Assoziationen auslösen und Erinnerungen an frühere Erlebnisse und Wahrnehmungen ermöglicht. Betrachterinnen und Betrachter können die Werke von Madeleine Boschan unmittelbar erleben, je mehr sie sich in deren Wirkung vertiefen, desto reicher und intensiver können diese Erlebnisse werden.
Im Entrée ihrer Düsseldorfer Ausstellung steht eine große, vierteilige Plastik, die außen in einem tiefen Grün gestrichen ist und deren Innenseiten in einem warmen Inkarnatton gefasst wurde. Die etwa 2,50 m hohe Arbeit ist begehbar und schafft einen bergenden Innenraum. Die Arbeit changiert in ihrer Wirkung zwischen Abweisung und Einladung. Die einfach nachvollziehbare Struktur aus vier gleichen Winkelelementen wird offener, wenn man ihren Titel liest: „Somewhere I have never travelled, gladly beyond any experience (Parataxe/bosco e incarnato)“. Es ist der Anfang eines 95 Jahre alten Gedichts des US-amerikanischen Avantgardedichters e. e. cummings aus dem Jahr 1931. Boschans Skulptur holt dessen Worte in unsere Gegenwart.
Auch cummings‘ Gedicht handelt von einer Bewegung im Raum, einem Raum, der eine neue Erfahrung eröffnet. Indem der Begriff der Parataxe ins Spiel gebracht wird, relativiert sich die Neuheit dieser Erfahrung auf subtile Weise. Linguistisch beschreibt der Begriff die Aneinanderreihung gleichartiger, einfacher Hauptsätze, die sich ähnlich wiederholen wie die vier Winkelelemente von Boschans Plastik. Aus der Wiederholung gleichartiger Elemente kann ebenso Monotonie entstehen wie Spannung.
Boschan präsentiert eine präzis gesetzte Offenheit, deren Wirkung zum Teil in die Verantwortung der wahrnehmenden Menschen gestellt ist. Die Ausstellung ist „entre nós“ genannt (portugiesisch für „zwischen uns“)
und appelliert damit an die mündige Eigenverantwortung und Bereitschaft von uns allen, sich auf ihren neu verdichteten Raum einzulassen.
Der unterschwellige Hinweis auf den brasilianischen „Tropicalismo“ wirkt wie ein starker, verborgener Inhalt. Der Begriff wurde vom Künstler Hélio Oiticia (1937—1980) geprägt, dessen vielgestaltiges Werk zwischen Skulptur, Performance, Musik, Video und Zeichnung changierte und stets an der aktiven Mitwirkung der Betrachtenden interessiert war. Der Tropicalismo wurde zu einer kulturellen Bewegung, die in den 1960ern im Widerstand gegen das damals herrschende Militärregime alle künstlerischen Disziplinen erreichte – Poesie, Musik, Literatur, Theater usw.
Indem sich Madeleine Boschan gleichsam subkutan darauf bezieht, offenbart sie zugleich, dass ihre eigene Arbeit in vielfältigen Zusammenhängen steht. Neben kunstimmanenter Affinität zur abstrakten Skulptur und Plastik des 20. Jahrhunderts von Tony Smith über den Minimalismus von Carl Andre und Donald Judd bis zu den Wandmalereien von Blinky Palermo und Günther Förg betritt Boschan ein umfangreiches ästhetisches Feld, auf dem sie ihren legitimen Platz behauptet.
Verweise auf Dichter, deren poetische Ortsbestimmungen Madeleine Boschan in unser Bewusstsein rückt, spielen in ihrem Werk eine wesentliche Rolle. Ihre Düsseldorfer Arbeiten reflektieren die eingehende Auseinandersetzung mit Rainer Maria Rilkes „Duineser Elegien“ und seinen „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“, in denen Reisen und Ortswechsel eine bedeutsame Rolle spielen. Madeleine Boschans Auseinandersetzung mit unsteten Räumen, mit den bewegten Erlebnissen van Nähe und Distanz, Präsenz und Absenz, findet eine Entsprechung in der Poesie und auch in der Musik, die ganz essentiell ein Medium der Zeit ist, die verdichtet oder gedehnt werden kann.
Durch die enge Verflechtung ihrer Kunst mit Poesie und Musik gewinnt Madeleine Boschans künstlerisches Schaffen eine existenzielle Dimension, die durch ihre emotionale wie analytische Tiefe unsere heutige Welterfahrung inspiriert und bereichert. Dank ihrer Werke können wir aufs Neue erfahren, wie reichhaltig unser Leben ist.
Kay Heymer
Essen, September 2026
Fotos: Johannes Bendzulla
Somewhere I have never travelled, gladly beyond any experience (Parataxe/bosco e incarnato), 2026, Aluminium lackiert (4-teilig) ca. 250 x 120 x 130 cm (variabel) © Madeleine Boschan
Entrée – Ausstellungsansicht Madeleine Boschan »Entre nós«
Entrée – Ausstellungsansicht Madeleine Boschan »Entre nós«
Duino (mare) III, 2026, Sistiana Serie, Tinte auf Aquarellkarton 47 x 35 cm (gerahmt 49,5 x 37,6 cm) + Untitled (nicht verbindet, sondern), 2025, Öl auf Champagnerkreide auf Schichtholz, ca. 64,8 x 38 x 34 cm + Künstler-Sockel 130 x 35 x 25 cm © Madeleine Boschan
Duino (bosco) I + II, 2026, Pigmentierte Polyacrylate auf Champagnerkreide auf Holztafel, 100 x 75 x 5 cm + Untitled (und hier ein Stück Gang), 2025, Öl auf Champagnerkreide auf Schichtholz, ca. 58,5 x 41,7 x 38 cm + Künstler-Sockel 125 x 40 x 30 cm © Madeleine Boschan
Salon – Ausstellungansicht Madeleine Boschan »Entre nós«
Entrée – Ausstellungsansicht Madeleine Boschan »Entre nós«